Dhoruba bin Wahad (2025): Revolution in These Times
Neunzehn Jahre verbrachte der ehemalige Black Panther und Black Liberation Army-Veteran Dhoruba bin Wahad im Gefängnis, nachdem er und andere bekannte Gesichter Schwarzer Befreiungsbewegungen wie der Black Panthers und der Republic of New Afrika zum Ziel von COINTELPRO wurden. Der FBI-Direktor J. Edgar Hoover war von der Gefahr einer Schwarzen Revolution überzeugt und ließ daher bereits Marcus Garvey und später Malcolm X überwachen. Während des Vietnamkrieges gehörten besonders kommunistische und radikale Schwarze Organisationen zu den Feindbildern. 1971 brachen weiße Aktivist:innen, Mitglieder der Citizens’ Commission to Investigate the FBI, in ein FBI-Büro in Media, Pennsylvania ein und entwendeten entscheidende Dokumente, die Hoovers Programm offenlegten. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten konnten Dhoruba bin Wahad und seine Anwält:innen durch hunderttausende Akten mit Bezug zu ihm und anderen Panthers Infiltration und Intrigen nachvollziehen, mit denen das FBI die Solidarität revolutionärer Organisationen untergraben, Konflikte anheizen und die Mitglieder psychisch aufreiben wollte. Im Fall der Panther 21 in New York, zu denen auch bin Wahad gehörte, führte COINTELPRO zu einer Reihe von Festnahmen unter falschen Beschuldigungen und fingierten Beweisen, und in Chicago zu der Ermordung von Fred Hampton.
Während visuelle Repräsentationen der Black Panther Party heute besonders durch popkulturelle Referenzen wie Beyoncés Super Bowl Halftime Show 2016, die Ästhetik Schwarzer Lederjacken und Baretts oder das Bild des symbolischen, zum Angriff bereiten Schwarzen Panthers von Ruth Howard und Dorothy Zellner bekannt sind, scheitern viele Narrative daran, die Aktivitäten der Partei und deren Bedeutung zu greifen. Revolution in These Times, herausgegeben von Kalonji Jama Changa bei Common Notions, mit einem Vorwort von Joy James, dokumentiert eine Reihe von Gesprächen von Dhoruba bin Wahad mit Changa, Jared Ball und Kamau Franklin von Black Power Media. Im letzten Kapitel kommen auch die seitdem verstorbenen Veteranen Sekou Odinga und Thomas “Blood” McCreary zu Wort und werfen Licht auf ihre Zeit im Untergrund und die Konfliktlinien innerhalb der Partei.
Mit der Gesamtheit der geteilten Erfahrungen ist dieses Buch ein grundlegendes historisches Dokument und eine präzise Intervention in zeitgenössische Diskussionen über Abolitionismus, Gegenmacht und internationale Solidarität.
Ein Ziel und ein Resultat von COINTELPRO, wird in den Gesprächen immer wieder klar, war die Unterbrechung der intergenerationalen Kontinuität revolutionärer Tradition und Wissensvermittlung, weswegen neue Bewegungen nicht auf bisherigen Erfahrungen aufbauen und einfacher zu vereinnahmen sind. Deutlich wird dies an der Entkontextualisierung und der Individualisierung revolutionärer Positionen, für die sowohl Angela Davis als auch Assata Shakur stehen. Angela Davis wird oft mit der BPP assoziiert, war jedoch aktiv im Che-Lumumba Club der KPUSA und begann ihr Engagement zur Unterstützung von George Jackson und den Soledad Brothers vor diesem Hintergrund. Nachdem sie auf legalem Weg Waffen erworben hatte, die bei einer Schießerei im Marin County Court zum Einsatz kamen, ging Davis in den Untergrund. Sie wurde schließlich zusammen Da die KP die mit Ruchell Magee, der den Großteil seines Lebens hinter Gittern verbracht hatte, der Verschwörung zum Mord an einem Richter angeklagt. Wie bin Wahad schildert, war Magee der Ansicht, dass er als Schwarzer Mann in den USA, der im Gefängnis so gut wie versklavt war, jedes Recht auf Flucht hatte. Die KP lehnte diese Haltung ab und konzentrierte sich auf die Verteidigung von Angela Davis, die ihren Prozess gewann. Es geht an dieser Stelle nicht um eine Kritik an Davis; bin Wahad sieht vielmehr in der Weigerung der KP, die Black Panther Party oder die Black Liberation Army nach bewaffneten Konflikten mit dem Staat juristisch zu unterstützen und ihr Recht auf Selbstbestimmung und Selbstverteidigung zu verteidigen den Grund für das weitere Schicksal der politischen Gefangenen seiner Generation. Seine Diskussion von Assata Shakurs Schicksal unterstreicht diese Sichtweise ebenfalls. Shakur organisierte nach ihrer Ausbildung durch die Partei Untergrundkliniken, in denen im Kampf verwundete Kader behandelt werden konnten, ohne dass dabei der Polizei Schusswunden gemeldet werden mussten. Bei einer Kontrolle auf dem Highway geriet sie selbst in eine solche Auseinandersetzung, als die New Jersey State Troopers das Auto anhielten, in dem sie, Zayd Shakur und Sundiata Acoli saßen. Für bin Wahad ist entscheidend, dass die BLA sich zu dieser Zeit im Krieg befand und die Frage von Schuld oder Unschuld diesen Kontext verschleiert. Die Unterstützung von Shakur und anderen politischen Gefangenen darf sich also nicht auf ihre vermeintliche Unschuld verlassen, sondern muss sich auf deren politische Positionen, ihre Mitgliedschaft in einer revolutionären Organisation und das Recht auf Widerstand gegen rassistische Unterdrückung stützen. Umso tragischer, von den vielen Gefangenen zu lesen, die erst krank und in hohem Alter aus der Haft entlassen werden, damit sie nicht auch noch im Gefängnis sterben. So müsste auf der Rückseite eines “Assata taught me!”-Shirts “Sundiata I forgot” stehen, kommentiert bin Wahad mit einigem berechtigten Zynismus. Auch hier bezieht sich die Frustration mehr auf vergangene und aktuelle Bewegungen, Shakur und bin Wahad selbst hatten ein kameradschaftliches Verhältnis, schließlich kommen sie aus der gleichen Zelle der Partei.
New York und die East Coast kannten im Gegenzug zu Oakland und vielen anderen Teilen der West Coast lange eigenständige Traditionen des Schwarzen Nationalismus, viele waren dort bereits vor ihrer Zeit bei den Panthers aktiv und gestandene und in ihren Communities bekannte Personen. Am City College, das auch Assata Shakur besuchte, lehrten afrozentrische Wissenschaftler wie Leonard Jeffries und Yosef Ben-Jochannan und das Tragen von afrikanischen Namen war auch bei linken Aktivist:innen weit verbreitet. Bin Wahad bemerkt, dass es an der West Coast wenig Vertrautheit mit diesen radikalen Traditionen gab, und man diese Praxis stattdessen mit dem reaktionären kulturellen Nationalismus von Maulana Karenga assoziierte.
Sekou Odinga, ebenfalls ein BLA-Veteran, schildert weitere Konflikte mit der Führung der Panthers. So habe bei den ehemaligen Mitgliedern von Malcolm X Organization of Afro-American Unity Einigkeit über die Bedeutung der Forderung nach Land bestanden. Einige organisierten sich daher ebenfalls bei der Republic of New Afrika, die Eldridge Cleaver bei einem Besuch in New York als unvereinbar mit den Panthers erklärte.
Besonders die Unterstützung aus der Community wird von bin Wahad und “Blood” McCreary hervorgehoben. Die Militanten hätten immer Wohnungen, Waffen und Pflege bei Verwundungen erhalten, auch wenn einige ihre Unterstützung nicht offen bekunden wollten. Als Aktivist:innen waren sie schon vor ihrer Zeit im Untergrund in ihren Vierteln verankert. Und auch, wenn die Wiederaneignung des Mehrproduktes ihrer Arbeit von Banken und anderen Finanzinstitutionen – mittels “unauthorisiertem Geldabheben” – eine Rolle gespielt habe, sei der Großteil der Ressourcen aus der Community geflossen. Daneben habe sich die Vergesellschaftung von Profiten aus Drogenhandel und anderen kriminellen Aktivitäten auch als gutes Training für neue Mitglieder im Untergrund herausgestellt, erklärt bin Wahad.
Der Band verdeutlicht eindrücklich die Freundschaft, die jegliche Intrigen von Staat und Sicherheitsbehörden überstanden haben. Angesichts der drängenden Aufgaben unserer Zeit bieten die Erfahrungen der Black Liberation Army eine Quelle unermesslichen praktischen Wissens, das sich nicht in neoliberales oder staatstragendes Denken einhegen lässt.
Vor ihrer gemeinsamen Festnahme soll Assata Shakur über Sundiata Acoli gesagt haben, dass er wie jemandes Großvater aussehe – eine Erscheinung, die ihm Bewegungsfreiheit trotz des allgegenwärtigen Verdachts ermöglichte. Heute beschreibt dieses Bild das Verhältnis der ehemals meistgesuchten Revolutionär:innen der USA zu ihren eigenen Communities. Noch erzählen sie ihre Geschichten und können allen, die zuhören, wertvolle Lektionen über Genossenschaft, Liebe und das Überleben mitgeben.
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