Als Feld jenseits zeitlicher, disziplinärer oder thematischer Einschränkungen stellen Black Studies eine herausfordernde und äußerst gewinnbringende und politisch relevante Arena intellektueller Aktivität dar. ISD und Adefra bilden mit ihrer 40-jährigen Bewegungsgeschichte einen zentralen Anker für die Verbindung schwarzer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – in Deutschland und weit darüber hinaus – und arbeiten kontinuierlich an der Aktualisierung eines diasporischen, afropolitanen Identitätsverständnisses. Daneben existiert die unermesslich wertvolle Dokumentation der Kämpfe rund um den Oranienplatz und Gruppen wie International Women Space und Women in Exile in Berlin und Brandenburg, sowie der Gruppe Refugee Struggle for Freedom.
Innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses werden die Diskriminierungserfahrungen von Schwarzen Menschen im Rahmen der Arbeit von EOTO, von ReachOut und von zahlreichen abolitionistischen Initiativen zugänglich. Neben dem anfänglichen Fokus auf die Beteiligung in Kultur und Akademie gibt es zudem inzwischen eine stärkere Auseinandersetzung mit der Lebensrealität Schwarzer Arbeiter:innen. Viele von ihnen prägen sozial- und gesundheitspolitisch äußerst bedeutende Arbeitskämpfe und treten online bewusst kämpferisch auf.
Neben der allgemein größeren Rolle von Social Media und dem Zugang, den digitale Räume für die Bildung von Communities spielen, um ihrer teilweisen räumlichen Fragmentierung in Deutschland, Österreich und der Schweiz entgegenzuwirken, steht diese Entwicklung vor allem im Zusammenhang mit der Rezeption der globalen #BlackLivesMatter-Proteste nach der Ermordung George Floyds 2020 und der sich unafhaltsam vollziehenden Verwertung Schwarzer Kultur(en).
Die Abwesenheit von Schwarzen Menschen im öffentlichen Diskurs ist zumindest anfänglich und vorsichtig infragegestellt worden. Mit der Repräsentation, die oft nicht über Tokenism hinauskommt, geht jedoch eine Homogenisierung und Verflachung der Vielfalt Schwarzer Lebensrealitäten einher, die zudem oft analytisch von einer ökonomischen und nicht nur kulturellen Erfahrung von Klasse getrennt werden.
Im Rahmen dieser Dynamik finden sich ebenfalls mehr und mehr Argumentationsmuster und Verwerfungen innerhalb der Communities, die durch die Verstärkung digitaler Resonanzen in den deutschsprachigen Raum aufgenommen und modifiziert werden. Beispiele hierfür sind besonders die Diskurse um Schwarzen Kapitalismus, Black Excellence und financial literacy, wie auch der kulturell orientierte Afrozentrismus.
Dies als simple übernahme von Erfahrungen und Konzepten aus anderen sozialen Realitäten zu betrachten, greift jedoch zu kurz. Schwarzen Erfahrungen in Deutschland sind selbst seit Beginn stark international und diasporisch geprägt. Schwarze Kämpfe aus den USA haben Aktivist:innen in Deutschland ein neues Vokabular gegeben, dies ist jedoch zu großen Teilen durch engen transkontinentalen Austausch und der afrodiasporischen Mobilität geprägt und unterstrichen worden. Daneben können auch die familiären Bezüge zu us-amerikanischen, lateinamerikanischen oder karibischen Elternteilen nicht ignoriert werden. Auch der Rekurs auf afrikanische Namen, Religionen und Symbolik ist nicht per se als Adaption des konservativen Afrozentrismus zu verstehen, sondern ein eigener Ausdruck des Bewusstseinsprozesses Schwarzer Identität.
Damit im Zusammenhang stehen auch die Interventionen Schwarzer Aktivist:innen in antirassistische, feministische und klimapolitische Diskurse und Bewegungen. Da sie aus historisch und geographisch ausgedehnten Archiven schöpfen können, sind Schwarze politische Bewegungen in der Lage, die Grenzen und immanenten Widersprüche eurozentrischer Weltsichten innerhalb progressiver Bewegungen aufzuzeigen und zu kritisieren.
Eine besondere Rolle dabei spielen Community-Zentren, Bibliotheken und Buchläden, die diesen umfangreichen Wissenskatalog zugänglich machen und zugleich für die Dokumentation, Aufbewahrung und Aufarbeitung der eigenen Geschichte zentral sind. Diese Bestände ermöglichen uns außerdem, die umfassende Schwarze Kultur- und Mediengeschichte zu erforschen, die sich jenseits von Institutionalisierung behauptet.
Zugleich öffnet sich der Raum für die notwendige Auseinandersetzung mit politischer Repräsentation und (Selbst)organisation. Zumindest auf kommunaler und Landesebene sind Schwarze Politiker:innen an Regierungen beteiligt, als Wissenschaftler:innen beraten und als Diplomat:innen vertreten sie Deutschland und treten auf der Ebene der EU oder UN auf. Als Teilnehmende klimapolitischer Proteste, der Massenbewegung für Palästina, der beginnenden Mobilisierung gegen die deutsche Aufrüstung, als von Rassismus betroffene, aber auch als aktive und organisierte Antirassist:innen und Antifaschist:innen erkämpfen sich Schwarze Menschen Gehör für ihre Positionen.
Neben panafrikanischen Organisationen finden Aufklärungsarbeit und politisch wichtige Aktionen vor allem durch Exilgemeinden statt. In den letzten Jahren gab es, teilweise außerhalb des öffentlichen Bewusstseins, Proteste gegen die exzessive Polizeigewalt in Nigeria, gegen die Diktatur Paul Biyas in Kamerun, den Krieg in Tigray, die Genozide in Kongo und Sudan, sowie homo- und transfeindliche Gesetze in einer Reihe von weiteren Ländern. Wir teilen uns Räume mit Menschen, die Streiks organisiert, an Stadtteilkomitees und Widerstandsräten beteiligt, oder vor ihrer Flucht im Untergrund waren und deren Erfahrungen im Angesicht des rechten Aufstiegs unersetzbar sind und uns dabei helfen können, den Legalismus und Bürokratismus innerhalb der deutschen Arbeiter:innenbewegung zu überwinden.
Insofern können die Black Studies in Deutschland an die Lebensgeschichten und Positionen von Menschen wie Anton Wilhelm Amo, Joseph Ekwe Bilé, Regina Bruce, Hilarius Gilges, Fasia Jansen und May Ayim anknüpfen, die die Geschichte, Gegenwart und Zukunft Schwarzer Menschen in Deutschland und darüber hinaus entscheidend geprägt haben.
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