Saba-Nur Cheema und Meron Mendel, gefeiertes Vorzeigepaar des diversitätsorientierten liberalen Antirassismus, offenbaren in der FAZ Leichtgläubigkeit gegenüber rechten Talking Points und theoretische Ohnmacht im Kampf gegen Rassismus. Angesichts der gesellschaftlichen Stellungen, die sie bekleiden und durch die sie den öffentlichen Diskurs prägen, ist erschreckend, dass ihre Aussagen kein fundiertes historisches oder politisches Verständnis von Rassismus erkennen lassen. Stattdessen verstecken sie hinter der oberflächlichen Sympathiebekundung für den Intendanten der Volksbühne, Matthias Lilienthal, eine Haltung, die sich nicht grundlegend von jener der CDU unterscheidet.
Denn hinter dem Phantasma der “offenen Gesellschaft”, für die Cheema und Mendel eintreten, steht letzten Endes die Forderung nach Harmonie zwischen Kapital und Arbeit. Und ganz wie in Mandelas ‘Rainbow Nation’ idealisieren sie die “alltägliche Begegnung” von denen, die Gewalt ausüben und dabei keine Konsequenzen zu befürchten haben, mit denen, die darunter leiden.
Der Hintergrund der für PR-Maßnamen wundervoll geeigneten Sommer-Aktion der Volksbühne ist ein sich seit Jahren zuspitzender Sicherheitsdiskurs um öffentliche Bäder, der sich vor allem gegen migrantische Familien, Jugendliche und Muslim:innen richtet. Ausweis, oder teilweise Deutsch-Pflicht machen selbst das Schwimmen zu einem polizeilich regulierten Vergnügen. Und auch, wenn sich argumentieren ließe, dass diese Regeln für alle gleichermaßen gelten, sind damit doch nur bestimmte Menschen gemeint, und zwar die, die auch sonst in ihrem Alltag von allerhand Ausschlüssen verfolgt und begleitet werden. Grenzen verlaufen nicht einfach zwischen Staaten, sie werden in sozialen Beziehungen hergestellt und entfalten so ihre Wirkung. Oft verinnerlichen und naturalisieren wir diese Konzepte, anstatt zu erkennen, dass wir mit unserer Entscheidung, einen Ausweis, ein Ticket, oder eine Krankenkassenkarte zu kontrollieren, auch entscheiden, ob Ausschlüsse aufgehoben und Grenzen temporär durchlässig werden. Mit dem Versuch, zumindest symbolisch der Kommodifizierung unserer Freizeit entgegenzuwirken, hat die Volksbühne entgegen der Kritik genau der Aufgabe entsprochen, die der Verfügung über öffentliche Gelder entspringt.
Der “öffentliche Raum” ist gleichermaßen ein Konstrukt, aus dem Menschen diskursiv und materiell ausgeschlossen werden, entweder durch mangelnde oder inadäquate Zugänglichkeit von Informationen, oder durch feindliches Design. Teilhabe ist nicht gewollt, also ist sie auch nicht selbstverständlich, sondern kostet. Vor allem aber ist der “öffentliche Raum” ein weißes Konstrukt, in dem Menschen von Mikroaggressionen bis offenem Hass und körperlicher Gewalt ein breites Spektrum an verschiedenen Diskriminierungsformen ausgesetzt sind. In der politischen Bildungsarbeit aus der sowohl Mendel als auch Cheema kommen, werden unter dem abstrakten Konzept der “gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit” des Sozialpsychologen und ehemaligen Vorsitzenden der Amadeu Antonio Stiftung Andreas Zick seit langer Zeit ahistorische und apolitische Definitionen von Rassismus verbreitet, die den konsequenten Kampf dagegen erschweren.
Die Forschung spricht von Racial Battle Fatigue. Für Schwarze Menschen ist es ein normaler Montag.
Cheema und Mendel kommen dadurch zu dem Schluss, Safer Spaces – diskriminierungsärmere und -sensiblere Räume, die durch Empowerment denjenigen eine Stimme geben, die sonst überhört werden und dadurch den gemeinsamen Kampf erst ermöglichen – würden die gesellschaftliche Begegnung unterlaufen und nähmen so dem Abbau von Vorurteilen Raum, gerade weil sie kein politisches Verständnis von Rassismus haben, sondern ihn auf der psychologischen Ebene als Vorurteil verorten. Statt aus antirassistischer Perspektive Safer Spaces als Orte zu sehen, durch die von Marginalisierungen betroffene Menschen die “alltägliche Begegnung” überhaupt erst langfristig überleben und sich in Kämpfen dagegen organisieren können, werden sie so durch den Vorwurf der “gut gemeinten Segregation” implizit zu antidemokratischen Elementen deklariert. Gerade erst Anfang August hat das US-amerikanische Impact Magazine über die jahrzehntelange Arbeit von Dr. Thema Bryant über die gesundheitlichen Folgen von Rassismus berichtet; der Titel fasst den Inhalt prägnant zusammen. Sinngemäß: Die Forschung spricht von Racial Battle Fatigue. Für Schwarze Menschen ist es ein normaler Montag.
Die Vorstellung, die der Text weckt und damit bewusst eine Assoziation zu rassistischen Praktiken herstellt, jemand würde bei einer solchen Veranstaltung prüfen, “wer Schwarz genug ist”, um teilzunehmen, verdeutlicht einmal mehr, dass Cheema und Mendel jeder Bezug zu den Lebensrealtiäten Schwarzer Menschen und der Geschichte Schwarzer politischer Organisierung in Deutschland fehlt – denn die Ablehnung von Maßnahmen, die die politische Definition des Schwarzseins einer Kontrolle nationalstaatlicher Logik unterziehen, ist lange Konsens.
Cheema und Mendel verfangen sich schließlich in ihren eigenen Widersprüchen, indem sie zum einen die Notwendigkeit der Existenz von Vereinen wie EOTO anerkennen, darin jedoch zugleich eine implizite Gefahr für die demokratische Gesellschaft sehen: “Wenn für jede Gruppe anhand eines Identitätsmerkmals ein eigener, abgesicherter Raum geschaffen wird […] zerfällt die Idee einer gemeinsamen Öffentlichkeit in lauter Enklaven.”
Einen Absatz vorher heißt es einleitend: “Nicht die Segregation, sondern die alltägliche Begegnung mit dem bislang vermutlich Unbekannten ist für ein gelingendes Zusammenleben unabdingbar.” Doch was bedeutet dieser Gedanke in Konsequenz? Vereine wie EOTO sind zwar notwendig und sinnvoll – aber Schwarze Menschen sollten sich nicht kollektiv die Öffentlichkeit, von der sie sonst ausgeschlossen sind, aneignen.
Beschäftigte planen ihren Streik folglich nur in einem Raum mit der Geschäftsführung, Gefangene organisieren Protest gegen die Haftbedingungen nur in Absprache mit Justizvollzugsbeamten und Schwarze Menschen nehmen Anfeindungen als Preis für die “alltägliche Begegnung” in Kauf.